Mehr psychisch Kranke in Werkstätten für Behinderte
Schneeberg/Chemnitz. 60 Werkstätten mit 16.100 Plätzen stehen im Freistaat für behinderte Menschen (WfbM) zur Verfügung. "Damit ist Sachsen gut aufgestellt", sagt Heiko Buschbeck, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft WfbM. Während die Häuser früher aus den Nähten zu platzen drohten, macht sich mittlerweile auch hier der demografische Wandel bemerkbar - es werden weniger Zugänge registriert.
Dem entgegen wächst der Bedarf an Werkstattplätzen für chronisch psychisch Kranke. Heute arbeiten in jeder sächsischen Werkstatt im Schnitt 48 Menschen, die seelisch krank sind. Der Zulauf könnte steigen, meinen Experten mit Hinweis auf die aktuelle Entwicklung im Lande. Die zeigt unter anderem der Gesundheitsreport 2013 der DAK auf. So haben im Vorjahr Krankschreibungen wegen psychischer Leiden in Sachsen stärker zugenommen als deutschlandweit. 2012 stiegen die Fehltage durch seelische Leiden um 121 Prozent - bundesweit um 85 Prozent. Wer chronisch psychisch krank ist, darf sich um einen Platz in einer WfbM bewerben. Für ihn gelten die gleichen Zugangsvoraussetzungen wie für Menschen mit anderen Behinderungen. So müssen sie etwa in der Lage sein, ein Mindestmaß an wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung zu erbringen. Wer die Zugangsbedingungen erfüllt, hat einen Rechtsanspruch auf einen Werkstattplatz.
Betroffene werden integriert
"Mit der Eingliederung in eine WfbM können die chronisch psychisch Kranken wieder aktiv am Arbeitsleben teilnehmen, das stärkt ihr Selbstbewusstsein", betont Jacqueline Drechsler, Geschäftsführerin der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG). Die Aufnahme der seelisch Kranken wird unterschiedlich diskutiert. Das betrifft vor allem die Art der Unterbringung in den Arbeitsbereichen. Da gibt es etwa die Forderung, ihnen einen Extrabereich zur Verfügung zu stellen. "Ich halte das für keine gute Idee. Wenn diese Forderung zur Voraussetzung für eine Aufnahme in die Werkstatt gemacht wird, bedeutet das für manch einen eine Diskriminierung", meint Heiko Buschbeck. "Außerdem", so fragt er, "wie soll das in der Praxis aussehen? Man kann schließlich Bereiche wie etwa die Wäschereien, die Tischlereien oder die Küchen, in der die Menschen arbeiten, nicht zweimal vorhalten." Die Betroffenen müssten integriert werden, nicht zuletzt durch entsprechende inhaltliche Angebote. "Wir müssen genau schauen, was der Einzelne leisten kann", meint Jacqueline Drechsler. Außenstehende würden oft annehmen, dass gerade die psychisch Kranken schneller als geistig behinderte Menschen etwa auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen - in ihrem Fall wieder Fuß fassen. "Dem ist aber nicht so. Denn die Menschen sind auf diesem Arbeitsmarkt krank geworden. Sie wissen, was sie erwartet: Konkurrenzdruck, lange Arbeitszeiten, eine ständige Erreichbarkeit, und, und, und ..." Zudem, gebe es für nicht so leistungsfähige Mitarbeiter immer weniger Platz in der Arbeitswelt.
Die Kosten für die Arbeitsbereiche sowie die Förderung und Betreuung in den Werkstätten trägt vor allem der Kommunale Sozialverband (KSV), zu dem auch Landkreise und kreisfreie Städte gehören. "Gemeinsam wollen wir erreichen, dass die Menschen, die die Fähigkeiten dazu haben, auf dem ersten Arbeitsmarkt zu arbeiten, auch dort wieder eingegliedert werden", unterstreicht Buschbeck. Für alle anderen sei es äußerst wichtig, dass es einen Rechtsanspruch auf einen Werkstattplatz gibt. "Natürlich weiß auch die LAG, dass die Kassen der Kommunen nicht gerade gut gefüllt sind. Das darf aber nicht dazu führen, dass aus Kostengründen der Rechtsanspruch auf einen Werkstattplatz einmal wegfällt." Die Erfahrung zeige, dass nur eine Handvoll der Werkstattbesucher es auf den ersten Arbeitsmarkt schaffe.
Aktion Auftrag
Die Auftragslage für die Werkstätten ist gut. "Wir sind mittlerweile kompetente Partner für die Wirtschaft der Region", betont Heiko Buschbeck. Doch man müsse immer am Ball bleiben. Deshalb hat die LAG die "Aktion Auftrag" gestartet. "Dabei leisten wir ein bisschen Aufklärungsarbeit und bieten unsere Dienstleistungen an", so Jacqueline Drechsler. Und der Dienstleistungen gibt es viele. So in den Bereichen Industriemontage, Holz- und Metallverarbeitung, Druck und Gestaltung, Textil und Wäsche, Garten- und Landschaftspflege. "Zudem arbeiten unsere Mitarbeiter auch in verschiedenen Betrieben auf einem Außenarbeitsplatz, wo wir sie betreuen", sagt Jacqueline Drechsler.
www.wfbm-sachsen.de
30.000 mehr Schwerbehindertenausweise
In Sachsen haben fast 356.000 Menschen einen Schwerbehindertenausweis. Das sind 8,6 Prozent der Bevölkerung und reichlich 30.000 mehr als noch vor zwei Jahren.
In ganz Deutschland lebten am Jahresende 2011 rund 7,3 Millionen schwerbehinderte Menschen. Das waren rund 187.000 oder 2,6 Prozent mehr als am Jahresende 2009.
Spitzenreiter bei den Zuwächsen sind Dresden und Leipzig mit einer Steigerung von jeweils 4000, gefolgt vom Landkreis Bautzen mit 3000 sowie dem Landkreis Görlitz und dem Erzgebirgskreis mit jeweils 2500. (rf)
erschienen am 20.08.2013 (Von Renate Färber)
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